Kakon Judith

21. November bis 21. Dezember 2019

Judith Kakon___Disposition

Die Basler Künstlerin Judith Kakon setzt drei in sich geschlossene Arbeiten zueinander in Disposition. Durch das Zusammenspiel wird eine Vielzahl an Rezeptionsmöglichkeiten freigelegt. Kernstück der Arbeit bildet eine Installation, welche die Stirnwand säumt und sich zur Raummitte hin wuchernd ausbreitet. Schwarze, graue und beige PVC-Rohre, wie sie zur Leitungs- und Abwasserkanalisation verwendet werden, sind mit Kabelbindern zu stehenden, farblich changierenden Bündeln zusammengefasst. Ihre körperliche Präsenz erinnert an das Pfeifenwerk einer ausladenden Orgel, an ein stattliches Mahnmal oder aber – aufgrund der kruden Materialität – auch an selbstgebastelte Sprengstoffmunition. Die sakrale Besinnlichkeit vermag somit schnell in eine nachdrückliche bis bedrohliche Stimmung umzukippen. Unterstrichen wird diese Zweischneidigkeit durch die Bekrönung der Pfeiler. So hat die Künstlerin die Rohre mit Füllmasse verspachtelt und mit verschiedenen Kalt- und Warmlicht-Glühlampen bestückt. Die Stromversorgung erfolgt über Kabel, die sich aus unterschiedlich grossen Löchern winden und als Sog in drei Steckdosen verschwinden.

Erste materielle Anregung fand die Künstlerin, als sie selbst Bewohnerin und Mitwirkende auf einer Baustelle war: hier kam sie denn auch zur Idee, die Rohre mit sogenannten „bins“ zu versehen. Gemeint sind Behälter, wie sie im Baustellenalltag aus Recyclingmaterial geschaffen und an Baugerüsten, Telefonstangen u. ä. befestigt und zu Aschenbechern oder Abfalleimern umgenutzt werden. Die Behältnisse lassen aber auch an kleine Spendenboxen denken, wie sie im religiösen und humanitären Kontext vorkommen. Damit gerät die Kirche als weitere Inspirationsquelle ins Blickfeld: vor zwei Jahren beobachtete die Künstlerin bei einem Besuch der Grabeskirche in Jerusalem den Einsatz elektronischer Prozessionskerzen. Dies war der Auslöser, die gesammelten PVC- Röhren in überdimensionierte Kerzen umzuwandeln und mit neuer Bedeutung zu belegen.

Die Arbeit „A samaphore or maybe just an accident“ (neu um den Zusatz „organ, with bins“ erweitert) wurde bereits zu Beginn des Jahres im Aussenraum des Basler Ausstellungsraums SALTS als kleinere, isolierte Komposition gezeigt. Wie der Titel suggeriert, lässt Judith Kakon das Interpretationsspektrum bewusst offen. Im Gespräch lässt sie verlauten, dass sie in ihrem Werkprozess meist äusserst strategisch und in kleinen Schritten vorgehe und zumeist eine politische, historische oder philologische Geschichte voranschicke. Diese Arbeit sei jedoch verblüffend intuitiv und spielerisch gewachsen. So gesellte sich zur räumlichen Gesamtkonzeption jüngst eine weitere Komponente hinzu. Die Rede ist von Mr. Bamba (2019), einem vielfach vergrösserten und auf Hochglanzpapier reproduzierten Werbeflyer, den die Künstlerin zufällig auf der Strasse Londons gefunden hatte. Darauf bietet ein Heiler namens Mr. Bamba seine spirituellen Dienste an. Illustriert wird der Text von einer brennenden Kerze, die uns unweigerlich zur Rauminstallation und deren mystischen Komponente zurückführt. Judith Kakons reflektierter Umgang mit ihrer eigenen Arbeit spiegelt sich denn auch im dritten Teil des Gesamtwerks wieder. Alles scheint irgendwie zusammen zu hängen. Beim Verlassen des Raums streifen wir eine im Loop befindliche Videoprojektion. Zu sehen ist die Aufnahme eines Feldes voller Tagetes, oranger Blumen, die u.a. als Symbolblume für das mexikanische Totenfest „Día de los Muertos“ steht. Im Prozess des Filmens wurde die Künstlerin von einem Kirchenglockenspiel unterbrochen, welches sich dem bewegten Bild als zufällige Tonspur unterlegte. Als bearbeiteter Intervallsound unterstreichen die sonoren Klänge nun den feierlichen bis beunruhigenden Grundtenor der gesamten Rauminstallation.

Judith Kakons vielschichtige Arbeit lässt uns eintauchen in ein reiches Zeichensystem, welches uns über Entstehung und Beschaffenheit eines Kunstwerks nachdenken lässt: Was verleiht einem Gegenstand seine Funktion und wann wird dieser zum Bild, zum Träger einer Idee, einer Vorstellung, wann verliert er seine alltägliche Beiläufigkeit und gewinnt als Kunstwerk Sichtbarkeit?

Julia Schallberger