19. November bis 18. Dezember 1994
Cécile Huber___
Das Werk von Cecile Huber zeigt zwei unterschiedliche Ansätze. Einerseits benutzt die Künstlerin Holz, Papiermaché, Stoff, Draht und vor allem immer wieder Gips und formt aus diesen Materialien zerbrechliche und zunehmend schwerelose Gebilde, andrerseits fertigt sie aus Fundstücken installationsartige Aufbauten. Beide Ansätze thematisieren unbeständige, sensible Befindlichkeiten, beschäftigen sich mit dem Zwiespalt einer Ortlosigkeit, der eine Setzung gegenübergestellt wird. In einer Serie von Arbeiten von 1988-90 werden Holzbretter und -leisten von Gipslagen überwuchert. Auf ihren erhöhten Standflächen, die an Paletten, an Inseln und an Flösse erinnern, wirken diese splittrigen Aufbauten wie höchst fragile, soeben einem Sturm entronnene, den Elementen ziellos aufgelieferte Fuhren. Aber aus den Verwüstungen und Vergipsungen scheint spriessend und sich spreizend neues Leben zu erstehen. Auf die Zerstörung, die Verwundung folgt ein neuer Ansatz, und dieser scheint gekennzeichnet dadurch, dass die Materialien untrennbar verschmelzen. Holz und Gips stabilisieren sich gegenseitig, sind beide Träger und Getragenes. In den Wirrnissen der (Lebens)Fahrt ist die Trennung von Gerüst und Füllung nicht mehr möglich. Auf treibenden Inselchen geschieht die Infragestellung herkömmlicher Denkbauweisen. In einer späteren Arbeitsgruppe, in der das sperrige Holz von weicheren Materialien wie Papiermache, Tuch und Drahtgittern abgelöst wird, finden sich Formen, die an Wassergewächse und -tiere erinnern oder an am Himmel treibende Wolken. Das Getriebenwerden, das Fliessende bestimmt zunehmend die Form der organischen Gebilde bis von diesen kaum noch eine feste Substanz zurückbleibt. Seit 1993 arbeitet Cecile Huber fast ausschliesslich mit gefundenen Gegenständen und Materialien, deren heterogene optische und haptische Qualitäten im vielstimmigen Zusammenspiel eigensinnige Gesamtstimmungen hervorrufen. Diese Gruppierungen von kontroversen Assoziationsgebilden erhalten keinen geschützten sockelartigen Standort mehr. sondern stehen direkt in meinem realen Raum. Die Betrachterposition wird zunehmend integrierter Bestandteil der Installationen. Zugleich sind die Arbeiten zu mir gegenüberstehenden Grössen gewachsen, Grössen aber, die keinen festen Ort beanspruchen und behaupten, sondern sich in ihrer Transparenz und Leichtigkeit, dem Charakter des jederzeit Auf- und Abbaubaren, der nachvollziehbaren und einsehbaren Anfertigung eher als Fragen, als Überlegungen auf Zeit denn als feste Behauptungen präsentieren. ·Der nun auf gebrochenen und begehbaren Bühne entspricht eine neue Farbigkeit, die fast immer die bereits bestehende der Fundstücke ist, und ein neues Themenspektrum. Wenn früher häufig eine gleichsam vom Boden abgehobene geschlossene Märchenwelt oder eine sich in ihrem Ausgeliefertsein zunehmend immaterialisierende Existenz dargestellt wurde, so lässt sich in den neueren Arbeiten Wille und Mut zur eigenen, zum Teil geradezu philosophisch anmutenden Stellungnahme zu umfassenden Themen feststellen.
In Luzern zeigt die Künstlerin u.a. eine grosse dreiteilige Arbeit, die sich – anknüpfend an die früheren Lebensfahrten – mit Tod und Neuanfang beschäftigt: Zwischen einem grossen schwarzen Kasten, der von aussen bedrohlich kompakt, von innen überraschend transparent und zerbrechlich erscheint. und einer auf hohem Gestell befestigten Wanne. die Bilder fremder Bestattungszeremonien. Bilder von Reinigung und von oben kommender Eingebung evoziert, liegt – den Senkrechten und ihren metaphysischen Konnotationen konfrontiert – flach auf der Erde eine dreiteilige Arbeitseinheit, die den Gedanken von Tod und Neuanfang auf menschliches Tun überträgt. Aus einem Haufen von Schreinereiabfallen fertigte die Künstlerin eine Gruppe amorpher Gebilde. Der nun geschwundene Haufen wiederum wurde Modell für eine kastenartige Konstruktion. Jede Setzung legt gleich die nächste nah. sie ist Antwort und Frage zugleich, eröffnet ein umfassendes Spektrum möglicher Ansätze. Menschliches Handeln ist immer auch die Beschäftigung mit Vernichtung und Neuanfang.
Brita Polzer
Kunst-Bulletin, Dezember 1994
