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Kunstpavillon

Baumgartner Franziska

13. November bis 18. Dezember

Franziska Baumgartner___schleichend auslaufen lassen

 

„Da regt sich was. Sachte, wie von unsichtbarer Hand geleitet, sich schleichend über Wand und Boden in den Raum ausbreitend.“ Sätze wie diese gehen mir durch den Kopf, während ich Franziska Baumgartners Ausstellung betrete. In Tusche gefärbte Glasnudeln winden sich kräuselnd aus den Plattenrillen des Ausstellungsbodens. Sie erinnern mich an Grashalme, die sich ihren Weg durch urbane Steinpflaster suchen. Dieses fragile, doch vermeintlich unbeirrte Wuchern ist im Stande, ein Gefühl latenter Bedrohung auszulösen. Untermauert wird diese Stimmung von einem den Raum ausfüllenden Sound: tiefe, sonore Klänge verschränken sich mit hellen Tönen, Atem- und Wassergeräuschen. Die verschiedenen Tonspuren wurden von der Künstlerin eigens für die Arbeit aufgenommen, zusammengeschnitten und elektronisch verfremdet. Einige Klangketten hat sie mit eingebauten Zufallsgeneratoren programmiert.

Der anschwellende und sich wieder senkende Klangteppich agiert im Dialog mit einer im Raum platzierten Videoinstallation: Ein milchig schimmerndes Architekturpapier entrollt sich zu Boden und amtiert als Projektionsfläche. Die rückseitige Beleuchtung führt dazu, dass sich mein Schatten beim Umgehen der Leinwand miteinschreibt. Im Fokus des Videos steht jedoch ein metallisch verspiegelter Körper, der laufend neue, kristalline Formen hervorbringt. Fragen tauchen auf: ist das Bild, das sich mir zeigt, analog, digital, animiert oder real? Sind die Bildelemente fest, flüssig, gallertartig? Die fliessenden und blubbernden Klänge im Hintergrund führen mich zum Gedanken, dass es sich bei dem bewegten Kreisgebilde um den Ausguss eines Schüttsteins handeln könnte. Bei dem eingesetzten Grundstoff handelt es sich jedoch um das sogenannte Ferrofluid, eine Flüssigkeit, welche sich durch die Einflussnahme von Magneten in Bewegung versetzen lässt. Diese Eingriffe durch die Künstlerin bleiben im Video unsichtbar und so wirkt es, als würden die igelförmigen Strukturen aus sich selbst heraus entstehen. Langsam pulsierend wie das Öffnen und Verschliessen einer Blüte, wobei die technoid spitzen Ausformungen gefährlichen Anschein haben.

Am Anfang von Baumgartners Arbeiten steht immer das Interesse an einem spezifischen Material. In experimenteller Weise erkundet und erforscht sie dieses und trachtet nach einer Form und Aussagekraft, die über die Demonstration blosser Materialeigenschaften hinausführt. Fast zwei Jahre lang hat die Künstlerin mit Ferrofluiden experimentiert. Wenngleich Baumgartners Werke meist sehr durchdacht und pointiert erscheinen, hat das Zufällige den Prozess stets mitbestimmt. So geben Momente des Unplanbaren, Resultate der Überraschung der Künstlerin wichtige Impulse für die Fortentwicklung ihrer Arbeiten.

Dieses Changieren zwischen präziser Umsetzung und der Integration ephemerer, eigenständiger Formentwicklungen spiegelt sich denn auch in den drei Fotografien an der Ausgangswand wider. Grossformatig geben sie Aufsicht respektive Einblick in drei unterschiedlich mazerierte Kreise. Es sind die analogen Aufnahmen architektonischer Oblichter. Über die Zeit hinweg haben sich Spuren der Verwitterung auf den Fenstern abgezeichnet. Die erdig aschigen Ablagerungen gemahnen mich an die Oberflächenstrukturen von Planeten, Kometen oder Berglandschaften. Auch das Bild wilder Gischt meine ich zu erkennen und kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück in den Raum.

Ich lasse den Blick ein letztes Mal schweifen. Das Werk der Künstlerin hat mich bewegt. Es regt sich was – irgendwo zwischen poetischem Sinnieren und dystopischem Unbehagen. Langsam verlasse ich den Raum und möchte dabei all die Bilder und Klänge „schleichend auslaufen lassen“.

Julia Schallberger