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Kunstpavillon

Billari Domenico

13. November bis 18. Dezember

Domenico Billari___egge ab, die erwartung

 

Wer die poetisch bis spektakulären Performances und Interventionen von Domenico Billari kennt, mag von der hiesigen Werkpräsentation zunächst überrascht sein. Zurückhaltend reduziert muten die beiden Vitrinen an. Doch nur auf den ersten Blick. Durchaus vielschichtig ist das Deutungspotential der darin präsentierten Objekte. Dabei handelt es sich vornehmlich um objets trouvés, die der Künstler sachte manipuliert, recherchiert und kontextualisiert hat. Mittels sprechender Titel eröffnet er den Betrachtenden einen Zugang, das Wesen, die Beschaffenheit, sowie die Anordnung der Dinge zu lesen und als Geschichten weiterzuspinnen.

egge ab, so lautet der Titel des ersten Relikts. Es handelt sich um den angeblich letzten Fetzen einer Schweizer Fahne, die seit den 1980er-Jahren am Schweizer Institut in Rom hing. Wo mögen sich wohl die anderen Teile befinden? Wurden sie in Schweizer Redlichkeit verteilt? Und was sagt dieses Rudiment rot-weisse Leine aus? Was gilt es zu bewahren? Oder entsteht die Relevanz erst durch die museale Präsentation? Im Ausland scheint klar zu sein, für was das Schweizerkreuz steht: „Swissness“. Eine „Marke“, die Qualität, vor allem aber Demokratie und politische Neutralität verspricht. Kurzum, ein Stück heile Welt. Doch frage ich mich: Kann ich mich wirklich unkritisch damit identifizieren? Bröckelt das Bild nicht an allen Ecken und Enden – geradeso wie dieses Stück Stoff?

Daneben liegt die Fotografie eines Walliser Bergdorfs. Gefunden hat sie der Künstler in einem Ferienchalet. Dort hing sie wohl jahrelang an der Wand. Die Zeit verlieh ihr eine vergilbte Patina. In einen Plastikrahmen gefasst und mit Folie bedeckt, erscheint das Bild als blosses Touristensouvenir. Wer hat es wohl einst erworben und was hatte es dieser Person bedeutet? Die Spuren des Vergänglichen, sowie der Charakter des profanen Massenprodukts haben Billari fasziniert. So arbeitet er selbst häufig mit Materialien, welche das menschliche Konsumverhalten, sowie Werte einer Gesellschaft und Zeit reflektieren. Mittels bewusster Eingriffe wie dem Verschütten von Wein hat er die Makel von le colline – wie etwa die Wellung des Plastikschutzes – weiter verstärkt. Metaphorisch unterstreichen die verunklarenden Glanzwellen den Eindruck zeitlichen Entschwindens, vielleicht auch eines früher krampfhaft hochgehaltenen Schweizer Heimatidylls.

Die zweite Vitrine bricht die zurückhaltende Ästhetik auf. Eine Schwarzweissaufnahme in plastifiziertem Ikea-Rahmen bannt meinen Blick. Ebenso wie die Unvereinbarkeit der Grösse von Bild zu Rahmen scheint auch inhaltlich einiges unpassend, sprich unangemessen zu sein: Frauen in Badekostüm beugen sich über volle Spaghetti-Teller, die sie förmlich verschlingen. Der vom Künstler gewählte Titel Spaghetti vomit bringt Billaris Entrüstung über die chauvinistisch groteske Inszenierung der Frau zum Ausdruck. In Plastik gehüllt und unter Glas gesperrt, wird ein die Zeitgeschichte durchwirkendes Phänomen betont, wobei die Frau als hübsches Schaustück, als Objekt männlicher Begierde, jedoch nicht als ebenbürtige Persönlichkeit behandelt wird. Eine explizit plakative Collage von Billari mit dem Titel die erwartung spitzt die Thematik zu. Als Betrachterin werde ich auf mich selbst zurückgeworfen, dazu angehalten, hinzuschauen, auf die Vergangenheit, in der es nur wenige Frauen schafften, aus dem Schatten der Männer herauszutreten. Eine Ausnahme bildete die Malerin Olga Fröbe Kapteyn (1881 – 1962), der es gelang, sich als Frau, Künstlerin, Autorin und Theosophin entgegen der herrschenden Männerdomäne erfolgreich zu behaupten. Eingangs der Ausstellung gedenkt ein Winterblütler namens Chimonanthus praecox dieser blühenden Widerstandskraft. Doch wie sieht es heute aus? Was hat sich verändert und wo wird der Ausdruck verschiedener Identitäten nach wie vor fremdbestimmt?

Domenico Billaris Schaffen gibt mannigfaltig Anstoss dazu, über unser Menschsein, unsere Geschichte, Identität und den Umgang mit unserem Gegenüber nachzudenken. Diese Realitäten zu erinnern ist ihm ein Anliegen. Mittels einer Performance will er den Reflexionsmoment, wie er in der Ausstellung stattfindet, zur Eröffnung festhalten. Magisch, bunt, nachklingend.

Julia Schallberger