Ausstellungen

13. November bis 18. Dezember

Franziska Baumgartner___schleichend auslaufen lassen

Domenico Billari___egge ab, die erwartung

Eröffnungen: Samstag, 13. November, 17 Uhr

Kunst im Gespräch: Samstag, 4. Dezember, 16 Uhr mit den Künstler*innen und Julia Schallberger, Kunsthistorikerin

 

Franziska Baumgartner___

schleichend auslaufen lassen

 

„Da regt sich was. Sachte, wie von unsichtbarer Hand geleitet, sich schleichend über Wand und Boden in den Raum ausbreitend.“ Sätze wie diese gehen mir durch den Kopf, während ich Franziska Baumgartners Ausstellung betrete. In Tusche gefärbte Glasnudeln winden sich kräuselnd aus den Plattenrillen des Ausstellungsbodens. Sie erinnern mich an Grashalme, die sich ihren Weg durch urbane Steinpflaster suchen. Dieses fragile, doch vermeintlich unbeirrte Wuchern ist im Stande, ein Gefühl latenter Bedrohung auszulösen. Untermauert wird diese Stimmung von einem den Raum ausfüllenden Sound: tiefe, sonore Klänge verschränken sich mit hellen Tönen, Atem- und Wassergeräuschen. Die verschiedenen Tonspuren wurden von der Künstlerin eigens für die Arbeit aufgenommen, zusammengeschnitten und elektronisch verfremdet. Einige Klangketten hat sie mit eingebauten Zufallsgeneratoren programmiert.

Der anschwellende und sich wieder senkende Klangteppich agiert im Dialog mit einer im Raum platzierten Videoinstallation: Ein milchig schimmerndes Architekturpapier entrollt sich zu Boden und amtiert als Projektionsfläche. Die rückseitige Beleuchtung führt dazu, dass sich mein Schatten beim Umgehen der Leinwand miteinschreibt. Im Fokus des Videos steht jedoch ein metallisch verspiegelter Körper, der laufend neue, kristalline Formen hervorbringt. Fragen tauchen auf: ist das Bild, das sich mir zeigt, analog, digital, animiert oder real? Sind die Bildelemente fest, flüssig, gallertartig? Die fliessenden und blubbernden Klänge im Hintergrund führen mich zum Gedanken, dass es sich bei dem bewegten Kreisgebilde um den Ausguss eines Schüttsteins handeln könnte. Bei dem eingesetzten Grundstoff handelt es sich jedoch um das sogenannte Ferrofluid, eine Flüssigkeit, welche sich durch die Einflussnahme von Magneten in Bewegung versetzen lässt. Diese Eingriffe durch die Künstlerin bleiben im Video unsichtbar und so wirkt es, als würden die igelförmigen Strukturen aus sich selbst heraus entstehen. Langsam pulsierend wie das Öffnen und Verschliessen einer Blüte, wobei die technoid spitzen Ausformungen gefährlichen Anschein haben.

Am Anfang von Baumgartners Arbeiten steht immer das Interesse an einem spezifischen Material. In experimenteller Weise erkundet und erforscht sie dieses und trachtet nach einer Form und Aussagekraft, die über die Demonstration blosser Materialeigenschaften hinausführt. Fast zwei Jahre lang hat die Künstlerin mit Ferrofluiden experimentiert. Wenngleich Baumgartners Werke meist sehr durchdacht und pointiert erscheinen, hat das Zufällige den Prozess stets mitbestimmt. So geben Momente des Unplanbaren, Resultate der Überraschung der Künstlerin wichtige Impulse für die Fortentwicklung ihrer Arbeiten.

Dieses Changieren zwischen präziser Umsetzung und der Integration ephemerer, eigenständiger Formentwicklungen spiegelt sich denn auch in den drei Fotografien an der Ausgangswand wider. Grossformatig geben sie Aufsicht respektive Einblick in drei unterschiedlich mazerierte Kreise. Es sind die analogen Aufnahmen architektonischer Oblichter. Über die Zeit hinweg haben sich Spuren der Verwitterung auf den Fenstern abgezeichnet. Die erdig aschigen Ablagerungen gemahnen mich an die Oberflächenstrukturen von Planeten, Kometen oder Berglandschaften. Auch das Bild wilder Gischt meine ich zu erkennen und kehre mit meiner Aufmerksamkeit zurück in den Raum.

Ich lasse den Blick ein letztes Mal schweifen. Das Werk der Künstlerin hat mich bewegt. Es regt sich was – irgendwo zwischen poetischem Sinnieren und dystopischem Unbehagen. Langsam verlasse ich den Raum und möchte dabei all die Bilder und Klänge „schleichend auslaufen lassen“.

Julia Schallberger

 

Domenico Billari___

egge ab, die erwartung

 

Wer die poetisch bis spektakulären Performances und Interventionen von Domenico Billari kennt, mag von der hiesigen Werkpräsentation zunächst überrascht sein. Zurückhaltend reduziert muten die beiden Vitrinen an. Doch nur auf den ersten Blick. Durchaus vielschichtig ist das Deutungspotential der darin präsentierten Objekte. Dabei handelt es sich vornehmlich um objets trouvés, die der Künstler sachte manipuliert, recherchiert und kontextualisiert hat. Mittels sprechender Titel eröffnet er den Betrachtenden einen Zugang, das Wesen, die Beschaffenheit, sowie die Anordnung der Dinge zu lesen und als Geschichten weiterzuspinnen.

egge ab, so lautet der Titel des ersten Relikts. Es handelt sich um den angeblich letzten Fetzen einer Schweizer Fahne, die seit den 1980er-Jahren am Schweizer Institut in Rom hing. Wo mögen sich wohl die anderen Teile befinden? Wurden sie in Schweizer Redlichkeit verteilt? Und was sagt dieses Rudiment rot-weisse Leine aus? Was gilt es zu bewahren? Oder entsteht die Relevanz erst durch die museale Präsentation? Im Ausland scheint klar zu sein, für was das Schweizerkreuz steht: „Swissness“. Eine „Marke“, die Qualität, vor allem aber Demokratie und politische Neutralität verspricht. Kurzum, ein Stück heile Welt. Doch frage ich mich: Kann ich mich wirklich unkritisch damit identifizieren? Bröckelt das Bild nicht an allen Ecken und Enden – geradeso wie dieses Stück Stoff?

Daneben liegt die Fotografie eines Walliser Bergdorfs. Gefunden hat sie der Künstler in einem Ferienchalet. Dort hing sie wohl jahrelang an der Wand. Die Zeit verlieh ihr eine vergilbte Patina. In einen Plastikrahmen gefasst und mit Folie bedeckt, erscheint das Bild als blosses Touristensouvenir. Wer hat es wohl einst erworben und was hatte es dieser Person bedeutet? Die Spuren des Vergänglichen, sowie der Charakter des profanen Massenprodukts haben Billari fasziniert. So arbeitet er selbst häufig mit Materialien, welche das menschliche Konsumverhalten, sowie Werte einer Gesellschaft und Zeit reflektieren. Mittels bewusster Eingriffe wie dem Verschütten von Wein hat er die Makel von le colline – wie etwa die Wellung des Plastikschutzes – weiter verstärkt. Metaphorisch unterstreichen die verunklarenden Glanzwellen den Eindruck zeitlichen Entschwindens, vielleicht auch eines früher krampfhaft hochgehaltenen Schweizer Heimatidylls.

Die zweite Vitrine bricht die zurückhaltende Ästhetik auf. Eine Schwarzweissaufnahme in plastifiziertem Ikea-Rahmen bannt meinen Blick. Ebenso wie die Unvereinbarkeit der Grösse von Bild zu Rahmen scheint auch inhaltlich einiges unpassend, sprich unangemessen zu sein: Frauen in Badekostüm beugen sich über volle Spaghetti-Teller, die sie förmlich verschlingen. Der vom Künstler gewählte Titel Spaghetti vomit bringt Billaris Entrüstung über die chauvinistisch groteske Inszenierung der Frau zum Ausdruck. In Plastik gehüllt und unter Glas gesperrt, wird ein die Zeitgeschichte durchwirkendes Phänomen betont, wobei die Frau als hübsches Schaustück, als Objekt männlicher Begierde, jedoch nicht als ebenbürtige Persönlichkeit behandelt wird. Eine explizit plakative Collage von Billari mit dem Titel die erwartung spitzt die Thematik zu. Als Betrachterin werde ich auf mich selbst zurückgeworfen, dazu angehalten, hinzuschauen, auf die Vergangenheit, in der es nur wenige Frauen schafften, aus dem Schatten der Männer herauszutreten. Eine Ausnahme bildete die Malerin Olga Fröbe Kapteyn (1881 – 1962), der es gelang, sich als Frau, Künstlerin, Autorin und Theosophin entgegen der herrschenden Männerdomäne erfolgreich zu behaupten. Eingangs der Ausstellung gedenkt ein Winterblütler namens Chimonanthus praecox dieser blühenden Widerstandskraft. Doch wie sieht es heute aus? Was hat sich verändert und wo wird der Ausdruck verschiedener Identitäten nach wie vor fremdbestimmt?

Domenico Billaris Schaffen gibt mannigfaltig Anstoss dazu, über unser Menschsein, unsere Geschichte, Identität und den Umgang mit unserem Gegenüber nachzudenken. Diese Realitäten zu erinnern ist ihm ein Anliegen. Mittels einer Performance will er den Reflexionsmoment, wie er in der Ausstellung stattfindet, zur Eröffnung festhalten. Magisch, bunt, nachklingend.

Julia Schallberger

 

 

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