Ausstellungen

20. August bis 25. September

spaces in motion

ein gemeinsames Ausstellungsprojekt mit PTTH:// 

U5___The Human Crater

Film, 2017

Miriam Rutherfoord & Joke Schmidt___Ansichten Teil 5: Home

Videoinstallation, 2020

 

Eröffnungen: Freitag, 20. August, 18.30

Kunsthoch: Samstag, 28. August, 11.00–19.00

 

U5___The Human Crater

 

Sind Vulkane Menschen? Wohnen in ihnen vielleicht Geister, wie Mythen erzählen und  wovon Bewohner*innen Indonesiens noch heute überzeugt sind. Auf der Insel Jawa gibt es 38 teils erloschene, teils noch aktive Vulkane. Sie rumoren, brodeln, dampfen, speien Feuer und Asche und wenn einer auf dem indonesischen Archipel wieder Töne von sich gibt, sagen die Einheimischen: „Sie sprechen wieder“.

Als Teil des Forschungsprojekts „17 Volcanoes“, welches von 2015 bis 2018 im Rahmen des Future Cities Laboratory in Singapur stattfand, hat das Zürcher Kollektiv U5 17 Vulkane besucht – sie bestiegen, untersucht und sich mit ihnen angefreundet. Zusammen mit einem Kunsthistoriker, einem Architekten und Vulkanologen pendelten sie zwischen der Megacity Singapur und Java hin und her und näherten sich den verschiedenen Vulkanen mit allen Sinnen. Entstanden ist ein experimenteller Film, als Resultat ihrer persönlichen, aber auch kollektiven Erfahrungen, Emotionen, Gedanken und Diskussionen.

Mal dokumentarisch ähnlich einem Reisebericht, mal reflexiv, mal fiktiv untersucht „The Human Crater“ die Beziehungen zwischen Mensch und Natur, zwischen klimatisierter Grossstadt und feucht-warmem Dschungel, zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Begleitet von einer beruhigenden Erzählstimme und einem hypnotisierenden Soundscape von The Observatory und Li Tavor & Nicolas Buzzi führt uns der Film zu den verschiedenen Vulkan-Persönlichkeiten Javas: zum temperamentvollen Merapi, zum sanften Galunggung oder zum leicht neurotischen Sindoro. „Which Volcanoe would you choose as your spouse?“ fragt uns eine Stimme aus dem Off und sogleich werden wir auf uns selbst, auf unsere menschliche Existenz zurückgeworfen. Wir sind Beobachter*innen und Voyeur*innen beeindruckender Naturphänomene und deren geologischen, ökologischen, aber auch sozio-politischen Auswirkungen. Ruhig sitzen wir in einem Ausstellungsraum auf unseren Plastikstühlen, während uns das Konglomerat aus Bildern, Klängen und Gerüchen Sog-ähnlich in diese ferne, abenteuerliche Welt hineinzieht.

„The Human Crater“ konfrontiert uns mit verschiedenen Realitäten, emotionale und virtuelle Bilder wechseln in kurzen Filmsequenzen mit Aufnahmen von Vulkanlandschaften auf Jawa und von Singapur, einer der touristisch meistbesuchten Stadt der Welt. Statt Antworten zu liefern oder moralisierend auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen, stellt „The Human Crater“ Fragen: Was passiert mit einer Gesellschaft, die den Umgang mit der Unkontrollierbarkeit verlernt und sich auf die Wahrung des Scheins der Sicherheit einlässt? Was sind die Auswirkungen des Tourismus, des Reiseverhaltens und wie gehen wir in Zukunft damit um. Welches Verhältnis haben wir zu Vulkanen? Ein komplexes Bild von Zusammenhängen, das schliesslich zur Feststellung führt: „Humanity is never acquired in solitude.“ (Ein Zitat von Hannah Arendt in „The Human Crater“

 

Miriam Rutherfoord & Joke Schmidt__ Ansichten Teil 5: Home

 

Der Blick vom Esszimmer in eine offene Küche: auf dem Tisch ein Blumenbouquet, ein Tischläufer, mehrere Gläser – vielleicht vom Vorabend stehen gelassen, dahinter ein Dampfabzug, an dem mit Magneten befestigte Postkarten hängen, neben dem Herd griffbereit Öl und Essig, weiter hinten eine Etagere halbvoll mit Früchten. Unser Blick wandert vom Gesamten zum Detail, vom wohlbekannten Mittelstands-Interieur über das Fenster hinaus in die städtische Umgebung und schliesslich zur Decke, die sogleich diese perfekt inszenierte Wohnillusion entlarvt. Wir befinden uns in der Möbelhauskette IKEA, in der Wohnung von „Bruno, Silvie, Jay“. Es ist eine dieser Musterwohnungen, die von der IKEA an spezifischen Orten im Raum Zürich angesiedelt und von fiktiven, genau definierten Personen bewohnt werden.

Miriam Rutherfoord & Joke Schmidt lassen uns beim Betrachten ihrer neusten Videoarbeiten „Ansichten Teil 5: Home“ bewusst Zeit. Erst eine leichte Bewegung des Vorhangs oder das Pendel einer Wanduhr geben Indiz, dass es sich um bewegte Bilder handelt. Dieses Spiel zwischen Fotografie und Film, zwischen dem statischen und bewegten Bild treiben die beiden Künstlerinnen schon länger und setzen es als ästhetisches Mittel in ihren Arbeiten gezielt ein. Die vermeintliche Statik der Bildsequenzen führt dabei zu einer geschärften Wahrnehmung der Betrachtenden. Vielleicht haben wir gerade durch die unseren Alltag durchdringende Bilderflut verlernt, genau zu beobachten, zu betrachten, zuzuhören. In den von Miriam Rutherfoord & Joke Schmidt gewählten Bildeinstellungen fehlt oftmals das Effekthaschende, selten gibt es ein einziges Bildzentrum. Vielmehr lassen sich nach und nach immer mehr Details erkennen.

In der Arbeit „Ansichten Teil 5: Home“ fügen die beiden Künstlerinnen den Bildern eine Soundebene hinzu und führen die Wohnillusion auf einer weiteren Sinnesebene fort. Zu hören sind nicht die Stimmen der IKEA-Besucher*innen, sondern Geräusche des Ortes, an dem die Wohnungen offenbar lokalisiert sind: Kirchenglocken, ein Radio, Strassenlärm oder die grasenden Schafe auf einer nahegelegenen Weide. Die scheinbar privaten Objekte wie Schmuck, Bücher, Kinderzeichnungen, Kuscheltiere oder auf dem Bett zufällig hingeworfene Kleidungsstücke sollen einen Eindruck von Intimität und Gemütlichkeit vermitteln – jedoch stets überlagert von den omnipräsenten IKEA-Preisschilder und den einkaufenden Menschen, die selbst zu konsumierenden Eindringlingen in die verschiedenen Wohnungen werden. Wie der Kunsthistoriker Philip Ursprung in seinem lesenswerten Text „Das globale Wohnzimmer“ (2007) feststellt, verzichtet IKEA auf Verkaufsberater*innen und ersetzt diese vielmehr dadurch, dass die Produkte (mit Vornamen und Preisetiketten versehen) quasi selbst die Kund*innen ansprechen. Wohnen wird dabei zu einem Akt des Konsumierens, einem collageartigen Addieren von Einzelteilen, die beliebig ergänzt, umgeordnet und ersetzt werden können.

Im Ausstellungsraum treten die sieben Screens mit der Architektur des Kunstpavillons in einen spannungsvollen Dialog. Der Raum, der mit seinem „Chlötzliparkett“, den Fenstern und den Heizkörpern selbst an einen Wohnraum erinnert, scheint wie geschaffen für eine Arbeit, die sich mit dem Thema des Wohnens und Einrichtens befasst. Neben dem Blick durchs Fenster in den überwucherten Garten hinter dem Pavillon wirkt die Hängepflanze in einer der gefilmten Musterwohnungen lediglich wie ein bescheidener grüner Farbtupfer – ein kläglicher Versuch, etwas „wilde Natur“ in das durchdesignte IKEA-Interieur zu bringen

 

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